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Ein Toter bei Überfall auf Anti-Atom-Camp in Sibirien PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Marthe Heidemann   
Mittwoch, 1. August 2007

Am frühen Samstagmorgen wurde im sibirischen Angarsk, Irkutsker Gebiet, ein Anti-Atom-Camp brutal von Neonazis attackiert. Ein Aktivist erlag in der Folge seinen Verletzungen. Ein Überblick über die Ereignisse der letzten Tage.


Gegen fünf Uhr morgens fielen die Angreifer am vergangenen Samstag, 21. Juli, über das Umweltlager her, deren rund zwanzig Teilnehmer/-innen größtenteils im Schlaf überrascht wurden. Die 15-20 kurzgeschorenen, in Camouflage gekleideten und mit weißen Armbinden ausgestatteten Täter waren mit Baseballschlägern, Eisenstangen und Druckluftpistolen bewaffnet. In kürzester Zeit überwältigten sie die drei Campmitglieder, die am Lagerfeuer Wache hielten, der 26-jährige Ilja Borodaenko aus Nachodka bei Wladiwostok, der die ersten Schläge abbekam und sein Bewusstsein verlor, starb trotz Operation noch am selben Tag im Krankenhaus. Die weiteren schlafenden Campbewohner/-innen wurden von den Eindringlingen noch in ihren Zelten liegend verprügelt; sie sprangen auf deren Körper und zündeten schließlich die Zelte an. Wem es gelang, aus seinem Zelt herauszuspringen und sich zu Wehr zu setzen, den trafen die Hiebe der Angreifer besonders hart. Sieben weitere Opfer mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, vorwiegend mit Schädel-Hirntraumata und Knochenbrüchen. Begleitet wurde der Überfall von lauten Parolen: „Anti-Antifa“, „Antifa – hahaha“.

Nichts desto trotz äußerte sich die Miliz in erster Reaktion dahingehend, dass es sich um einen Raubüberfall handele. Bei einem Festgenommen seien Handy und Rucksack eines Umweltaktivisten gefunden worden, die festgenommenen Verdächtigen stünden nicht in Zusammenhang mit rechtsextremen Organisationen. Inzwischen ist von 28 Angreifern die Rede, 13 von ihnen wurden bisher festgenommen. Sie kommen aus drei Städten der Region, was die Annahme bekräftigt, dass es sich nicht nur um eine spontanen Überfall gehandelt hat, sondern um eine gezielte, geplante Aktion. Die Miliz gibt inzwischen zu, dass es sich um Skinheads handele.

Der Gouverneur des Irkutsker Gebietes, Aleksandr Tischanin hatte sich bereits am Sonntag in dieser Richtung geäußert und die Existenz von Skinheads in seiner Bezirk zugegeben: „Zu großem Bedauern leben in unserer Region rund 60 Menschen, die Skinheads sind. Alle diese Leute sind uns bekannt. Wir haben ihre Tätigkeiten unter besondere Kontrolle genommen, um ähnliche Zwischenfälle künftig auszuschließen.“

Das von der Irkutsker Gruppe „Autonome Aktion“ und der Bewegung „Schützer des Regenbogens“ organisierte und mit Unterstützung des Institutes „Kollektives Handeln“ durchgeführte Lager hatte am 14. Juli begonnen. Die Teilnehmer/-innen setzten sich für den Wechsel von Atomenergie hin zu alternativen Energiequellen ein. Im Speziellen richteten sie sich gegen den Import ausländischen Atommülls und die Verarbeitung solcher radioaktiver Abfälle durch das Angarsker Chemiekombinat. Auch wollten sie die Pläne zum Bau eines Zentrums zur Anreicherung von Uran verhindern, dessen Hauptziel die Anreicherung auf Bestellung anderer Länder sein soll. Das Angarsker Chemiekombinat wurde 1954 gegründet und befindet sich am südöstlichen Rand von Angarsk, 30 Kilometer von Irkutsk und 90 Kilometer vom Baikalsee entfernt. Es befindet sich in Besitz des Ministeriums für Atomenergie RosAtom. Präsident Putin hatte beim letztjährigen G8-Gipfel in Sankt Petersburg angekündigt, aktiv in internationale Programme zur Förderung von Kernenergie einzusteigen und die Lagerung ausländischen Atommülls auf russischem Territorium zu gestatten.

Proteste vergangener Jahre richteten sich bereits gegen Atommülltransporte des deutschen Unternehmens Urenco, die aus dem westfälischen Gronau in mehrtausendtönnigem Umfang an verschiedene Orte Russlands - darunter auch Angarsk - gebracht wurden. Bei diesen Transporten wird hochgefährliches nukleares Material auf der Strecke der transsibirischen Eisenbahn zwischen den größten Städten Sibiriens bewegt, was ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt. Mit dem Lager wollten die Aktivist/-innen verstärkt Bewohner/-innen auf die Umweltprobleme der Baikalregionen aufmerksam machen und die Umweltschutzbewegung vor Ort ausweiten.

In Reaktion auf den aktuellen Vorfall äußert sich RosAtom sehr versöhnlich gegenüber den Atomkraftgegner/-innen. „Wir hoffen inständig, dass es den Rechtsschutzorganen innerhalb kürzester Zeit gelingt, dieses Verbrechen aufzudecken und die Schuldigen zur kriminellen Verantwortung zu ziehen, die Organisatoren dieser ungeheuerlichen Tat sollen nicht ungestraft bleiben. (…) Wir drücken den Angehörigen des umgekommenen Aktivisten aus Nachodka unser tiefes Mitgefühl aus. Das Unternehmen trat immer für die vielseitige Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Organisationen ein, diese Zusammenarbeit ist einer der effektivsten Kontrollmechanismen von Seiten der Gesellschaft“, so RosAtom-Pressesekretär Sergej Nowikow.

Obgleich im Internet die Frage kursiert, wo denn eine solche Zusammenarbeit stattgefunden haben solle, erteilt Marina Popowa, selbst Opfer des Angriffes, Spekulationen, die Atomindustrie selbst stecke hinter dem Anschlag, eine Absage: „Wenn die Atomwissenschaftler uns Angst hätten einjagen wollen, hätten sie uns nur erschreckt. Und nicht mit diesen Methoden: sie hätten niemanden geschlagen und erst recht niemanden umgebracht.“ Für die Campteilnehmer/-innen steht eindeutig fest, dass sie von rechtsextremen „Boneheads“ angegriffen wurden. Im Unterschied zu Skinheads, Kindern mit Arbeiterhintergrund, die ihre Kämpfe aus materiellem Hass heraus initiierten, agierten Boneheads aus rassischem Hass heraus. Zu ihren Feind/-innen zählten nicht nur Ausländer/-innen, sondern auch Antifaschist/-innen. Nach Aussagen Popowas, versammelten sich in dem Lager Jugendliche, die eine antifaschistische Lebenseinstellung hatten. Ihre Präsenz in Angarsk diskutierten sie zuvor aktiv in den Foren ihrer Websites, Aktivist/-innen aus der Stadt Tschita warben in allen regionalen Informationsdiensten für die Teilnahme am Camp der „Autonomen Aktion“. Offensichtlich sprachen auch die „Boneheads“ darüber.

Nun kämpfen Campteilnehmer/-innen wie Unterstützer/-innen für die uneingeschränkte Anerkennung des rechtsextremen Hintergrundes der Tat. Zwar hat die Staatsanwaltschaft inzwischen bekannt gegeben, dass die Täter aus politischen Motiven gehandelt hätten, offizielle Straftatbestände stellen jedoch „schwere Körperverletzung mit Todesfolge“ und „Hooliganismus“ dar. Unter diesen Voraussetzungen kann unter Umständen ein Täter für den Mord an Ilya Borodaenko verurteilt werden, während den restlichen allenfalls Hooliganismus angehängt wird. Daher fordern zivilgesellschaftliche Gruppen, die Erkenntnisse auch als Tatbestände an das Gericht weiterzugeben. „Zugehörigkeit zu einer extremistischen Vereinigung mit dem Ziel der Verbreitung neonazistischen Gedankengutes“ sowie „organisierte Verbrechen aus Motiven nationalen und rassischen Hasses“ lauten ihre Vorwürfe, die dem Umstand, dass ein gezieltes Gruppenverbrechen stattgefunden hat, gerechter werden.

Solidaritätsaktionen, die dieser Tage in verschiedensten Städten stattfinden, verfolgen neben dem Erheben dieses Anspruches auch die Forderungen nach genauen und öffentlichen Ermittlungen. Doch auch konkrete finanzielle Hilfe wird derzeit benötigt. Auf Gedenkveranstaltungen wurde daher für die Angehörigen Ilya Borodaenkos, die Verletzten des Überfalles und auch für die Weiterführung des Lagers gesammelt. Wenn sich die Ausrüstung der Aktivist/-innen, die derzeit komplett zur Untersuchung konfisziert wurde, ersetzen lasse, wollten die Campteilnehmer/-innen ihr Lager fortsetzen, so Popowa.

 

Homepage mit Informationen auf englisch und russisch mit Möglichkeit, eigene Solidaritätsaktionen zu melden: www.nopasaran.anti-fa.ru

 

Quellen:

http://gazetavremya.ru/news/day/elovskoe_poboische.html

http://www.point.ru/daily/2007/07/23/9278

http://www.resist.ru

http://maskodagama.livejournal.com/490933.html

http://tupikin.livejournal.com/256586.html

 


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